Eine neurologische Erkrankung mit vielen Gesichtern

Anregungen, die helfen können die Lebensqualität zu erhöhen

Für Bernd W. begann alles mit einem Zittern im linken Arm. Als es nicht aufhörte, ging er zum Arzt. Diagnose: Parkinson. Fünf Jahre ist das her. Den Ersten Tübinger-Stuttgarter Parkinson-Tag in Leinfelden-Echterdingen nutzten der 52-Jährige und seine Ehefrau Karin zur Information sowie zum Austausch mit Betroffenen und Angehörigen. Das NeuroNetz Region Stuttgart hatte gemeinsam mit dem Tübinger Zentrum für Neurologie eingeladen.

Immens wichtig, so betont der Stuttgarter Neurologe Dr. Heinz Herbst, „ist das offene Gespräch mit Menschen in ähnlichen Situationen“. Gerade bei Parkinson ist das ganze System betroffen: Partner, Kinder, Eltern. In seiner Sprechstunde sitzt oft die gesamte Familie. Während sich Senioren beim Ausbrechen der Krankheit häufig auf ihre Partnerschaft verlassen können, steht diese bei jüngeren Patienten schnell auf dem Prüfstand. Den 44-Jährigen Ralf N., berichtet der dreifache Vater im Kreise einiger Angehöriger, verließ seine Frau kurze Zeit nach der Diagnose. Wenig später wurde er Frührentner und dadurch zum „Sozialfall“. Aus ihrer Sicht als langjährige Ehepartnerin empfindet es Marion P. als „sehr bitter“, täglich zu erleben, wie die Gefühle ihres Mannes stetig an Ausdruck verlieren, krankheitsbedingte Computer- und Kaufsucht mehr und mehr Oberhand gewinnen und sich weitere Beeinträchtigungen einstellen.

In der sozialen Interaktion sind Parkinson-Patienten häufig mit eingeschränkten Verständigungsmöglichkeiten konfrontiert. Undeutliche Sprache, unbewegliche Mimik und Gestik kann beim Sozialpartner leicht zu Fehldeutungen des Verhaltens führen, weiß Dr. Heinz Herbst. Deshalb kommen viele Patienten nicht daran vorbei, logopädische Übungen im Alltag zu ritualisieren. Beispielsweise im Spiegel den eigenen emotionalen Gesichtsausdruck nachstellen – Lachen, Staunen, ärgerlich sein. Bernd W. hilft es Grimassen zu schneiden, die Zunge zu bewegen, mit den Fingerkuppen leicht über Wangen, Kinn und Stirn zu klopfen, um Verspannungen zu lösen.

Für lautes, deutliches Sprechen ist Atmen wichtig. Wer unter zehn Sekunden ausatmet, dessen Stimme ist in ihrer Lautstärke beeinträchtigt. Ein typisches Problem für Parkinson-Patienten. Als Voraussetzung für gute Atmung empfehlen Logopäden optimale Körperhaltung: Beide Fußsohlen in festem Kontakt zum Boden, Knie rechtwinklig, aus der Hüfte heraus die Wirbelsäule aufrichten, Schultern leicht nach hinten fallen lassen, sodass das Brustbein offen nach vorne strebt. Hals und Kopf mit der Vorstellung aufrichten, sie hingen an Marionettenfäden. Die Stuttgarter Logopädin Marlies Kirchner regt Betroffene an, jedesmal wenn sie sich zum Essen an den Tisch setzen, der Haltung kurze Aufmerksamkeit zu widmen. Zusätzlich erhöhen Singen, Rezitieren sowie Stimmtraining nach Lee Silverman das Atemvolumen. Wer Ergänzung sucht zur Physiotherapie, kann sich Reha-Sport vom Arzt verordnen lassen. Die Krankenkassen müssen dies drei Jahre lang bezahlen.

250.000 Menschen sind deutschlandweit von der neurologischen Parkinson-Krankheit betroffen, so schätzt die Deutsche Parkinson Vereinigung. Prof. Dr. Daniela Berg von der Uni Tübingen plädiert dafür, bereits ersten Anzeichen wie unleserliche Schrift, Schlafstörungen, Geruchsbeeinträchtigungen oder Schulterschmerzen nachzugehen, damit die Krankheit möglichst früh erkannt wird. Studien zufolge verläuft die Krankheit umso milder, je früher der Betroffene Medikamente einnimmt. Da die Parkinsonerkrankung viele sehr unterschiedliche Symptome beinhaltet, prägt sich die Krankheit individuell sehr verschieden aus. Ursächlich kommt sowohl Erb- wie auch Umweltfaktoren eine Rolle zu. Ungeachtet der angewandten Therapiemöglichkeiten schreitet die Krankheit voran. Gegenteilige Versprechen sind unglaubwürdig. „Im Moment ist keine seriöse Stammzellentherapie für Parkinson möglich“, betont Prof. Dr. Thomas Gasser von der Uni Klinik Tübingen. Zwar entdeckten Wissenschaftler in jüngerer Zeit, dass vom Patienten selbst Stammzellen gewonnen werden können, die nach genetischer Veränderung das bei Parkinson-Patienten fehlende Dopamin produzieren. Doch frühestens in fünf bis zehn Jahren könne das Verfahren zur Anwendung kommen.

Selbsthilfegruppen: 

Bei der Deutschen Parkinson Vereinigung, Landesverband Baden-Württemberg erfahren Betroffene und Angehörige, wo sich Selbsthilfegruppen treffen. www.parkinson-baden-wuerttemberg.de  Infos gibt es auch beim NeuroNetz Region Stuttgart über Dr. Heinz Herbst, Telefon (07 11) 620 31 77-0.

Infos:

Die Broschüre Partner-Gymnastik für Parkinson-Patienten hat 20 Übungen im Stehen, Sitzen und in Bewegung für den Alltag zusammengefasst. Alles, was man braucht, sind Gymnastikbänder, Seile oder Schals sowie Stühle. Bestelladresse: Valeant Pharmaceuticals Germany GmbH, Benzstraße 1, 61352 Bad Homburg